17.
Nov.
2018

Wir hetzen uns in die Wirkungslosigkeit

Letzte Woche hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Extremismus-Experten. Er hat mir erzählt, dass er zwei Hebel nutzt, um Systeme zu verändern: Der ersten Hebel ist emotionale Betroffenheit. Das sind Momente, in denen Menschen bewusst wird, was eigentlich abläuft. Der zweite Hebel ist Zeit, um Themen und Sichtweisen gemeinsam bearbeiten zu können. Wenig ist so dringend, dass es sofort und schnell bearbeitet werden muss. Damit hat er recht.

Uns fehlt die Zeit.

Zeit ist ein Mangelgut geworden. Alles muss schnell gehen. Kaum jemand hat Zeit für die wirklich wichtigen Fragen. Dabei helfen technische Errungenschaften nicht weiter. Sie heizen das Spiel an. Die Tiefe und Vielschichtigkeit von Problemlagen werden als Störungen empfunden. Das hat gravierende Auswirkungen in unseren Organisationen und im politischen Handeln. Schnelligkeit, kurzfristige Maßnahmen und lautes Marktgeschrei übertönen notwendige Organisationsentwicklung und politische Diskurse. Das Hetzen und Hecheln ist zum Leitphänomen geworden. Damit bekommt man Anerkennung. Mit dem Blick ins Smartphone auch.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. Unsere zeitlichen Ressourcen, meint Rosa, werden deshalb immer knapper, weil sich das Aufgabenpensum und das Möglichkeitsspektrum vergrößert haben. Das zeigt auch der Filmemacher Florian Opitz in seinem Film Speed.

Wir hetzen uns in die Wirkungslosigkeit.

Klar ist, was wir sehen. Wir hetzen durch Meetings, Arbeitskreise oder Sprints und sind, dort angekommen, mit dem Kopf ganz wo anders. Oft im Smartphone. Oft einfach nur erschöpft. Zusätzlich martert uns die operative Hektik der Controlling-Welt. Berichte, Meetings, Dokumentation und Vorgaben nehmen unsere Zeit in Anspruch. Oft wirkungslos. Das Leben wirkt wie eine unendliche Runde im Hamsterrad.

Präsenz und konstruktives Denken gehen dabei vollkommen verloren. Zuhören, sich verstehen lernen, unterschiedliche Sichtweisen austauschen oder neue Fragen stellen sind lästig. „Wir waren im Prozess schon weiter.“ „Wir müssen dringend ans Ziel.“ Alles, was schnelles Fortkommen und schnelles Commitment verhindert, wird aus dem Weg geräumt. Das wird mit dem Silicon Valley-Mindset noch angeheizt. Es sagt uns, dass es schnell gehen muss. Sprints, 24h-Challenges oder ähnliche Formate versprechen die disruptive Innovation.

Wir brauchen Beziehungszeit.

Ich habe die Wirkung dieses Speed-Denkens selten erlebt. Das Neue kam meist langsam auf die Welt. Es wurde gerüttelt, überschlafen, zerlegt. Neues entstand in den Pausen, im Nachdenken, im Fragen, im Reden und im Begreifen. Es entstand vor allem in der Beziehung miteinander, im Austausch.

Genau diese Beziehungsqualität brauchen wir wieder. Beziehung entsteht nicht im Speed- und Informationsmodus. Sie entsteht, wenn wir uns Zeit nehmen für das gegenseitige Verstehen und die wirklich wichtigen Dinge. Beziehung entsteht, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse wieder entdecken und uns bewusst machen, dass Entwicklungen Zeit, Raum und Tiefe brauchen.

Das ist die zentrale Herausforderung für Organisationen, meint auch Tim Brown, der CEO von IDEO in dem hörenswerten aktuellen Podcast: Finding Your Creative ConfidenceA great idea doesn’t mean a whole lot unless you’re able to put it into action.“ Dann lasst uns mal loslegen.

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