16.
Mai.
2020

Wie tun wir weiter?

Wenn die Welt im außen zu komplex wird, schauen wir gerne nach innen. Auf Zellen oder auf die Atmung zum Beispiel. Wenn wir ausatmen, lassen wir die Luft los. Dann ist kurz Ruhe, ganz unten. Wir vertrauen drauf, dass es weiter geht. Wir vertrauen darauf, dass neue Luft in unsere Lungen strömt. Das alles passiert meist ganz unbewusst. Bewusst wahrgenommen kann dieser Vorgang zum Metronom fürs Neue werden. Ausatmen, die Ruhe spüren, einatmen. Vertrauen spielt dabei eine große Rolle. Doch lassen wir das einmal.

Die richtigen Fragen stellen.

Viele von uns sind in den letzten Monaten aus ihren gewohnten Bahnen geworfen worden. Ich auch. Das Getriebe stand still und dieser Stillstand bringt neue Fragen mit sich. Oft sind das klassische Systemfragen, wie Armin Nassehi in seinem Essay Das Virus ändert alles, aber es ändert sich nichts feststellt. Oft sind es aber auch Fragen in die Zukunft, wie etwa Elisabeth Raether, Mark Schieritz und Bernd Ulrich finden, wenn sie in Brauch‘ ich das? fragen, ob eine Welt nach dem Wachstum jetzt seriös diskutiert werden könne?

Neben philosophischen und politischen Fragen geht es jetzt ums Eingemachte: Das Geld wird knapp. Business-Modelle funktionieren nicht mehr wie gewohnt. KundInnen brauchen Produkte oder Services gar nicht mehr oder wollen sie sich nicht mehr leisten. Die sprunghaften gesetzlichen Vorgaben erschweren das Arbeiten. Verunsicherung macht sich breit.
Werner Pfeffer hat mich vor Jahren auf eine „einfache“ Frage aufmerksam gemacht: Wie tun wir weiter? Diese Frage wird jetzt laut. Mit ihr müssen wir uns wohl ernster auseinander setzen: Tun wir weiter mit Webinaren und Online-Tools? Tun wir einfach schneller, um das Verlorene aufzuholen? Tun wir etwas anders als bisher? Tun wir etwas gar nicht mehr? Viele Fragen. Ich befürchte, für ihre Beantwortung müssen wir uns Zeit nehmen. Doch wie geht das, wenn Telefon und E-Mails wieder lauter werden und die operative Hektik ruft?

Die kreative Ruhe nutzen.

Ich liebe die kreative Ruhe und habe sie in den letzen Wochen sehr genossen. Sie ist jener Zustand, bei dem ich ins Laterale komme. Ein Kreativ-Schutzgebiet. Ihr erinnert euch, der Punkt, wo die Luft draußen ist. Ruhe, Nichts, Zeit zum Sortieren. Das Alte loslassen, das Neue entstehen lassen. Genau solche kreativen Ruhezonen brauchen wir jetzt in unseren Unternehmen und Organisationen. Wir sollten sie nutzen, bevor die Maschinen wieder lärmen, die Mails eintrudeln und die Geschwindigkeit wieder los geht. Wir brauchen diese gemeinsamen Orte, um die Erfahrungen und Learnings aus den vergangenen Monaten zu sichern: Was haben wir erfahren und gelernt? Was davon möchten wir weiter kultivieren und ausprobieren? Den Punkt vor dem Einamten nutzen!

Vielleicht reicht dafür ein kurzer Gedanke, vielleicht ein halber Tag. Vielleicht braucht es aber auch eine ganze Woche oder einen ganz anderen Reflexions- und Lernprozess. Start-Meetings, kollektive Boards, Tagebücher, Notizzettel, Barcamps. Alles ist denkbar. Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmen damit jetzt einen riesigen Erfahrungsschatz für ihre Zukunft heben können. Dabei geht es nicht nur ums digitale Arbeiten oder um das vielstrapazierte Home-Office-Thema. Es geht um viel mehr, wie es Wolf Lotter in Warum Selbständigkeit und Zivilkapitalismus jetzt wichtig sind. auf den Punkt bringt.

Die neuen Ideen umsetzen.

Burkhard Bensmann hat mit seiner Vierung ein sehr einfaches und hilfreiches Tool für den Start vorgelegt. Das kann man sofort umsetzen. Doch auch hier gilt: „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett“. Wie tun wir weiter? Diese Frage trifft uns zumindest ein zweites Mal hier wieder. Alles besprochen. Alle finden das gut. Alle haben alles gelernt. Die Feedbackrunde ist gut, nur umsetzen will dann niemand. Es könnte ja was sein.

Das gilt auch für den kreativen Ruheraum. Den sollten wir immer wieder verlassen, um ins Tun zu kommen. Dafür ist jetzt eine ideale Zeit, weil wir den Perfektionismus ein wenig verschreckt haben. Wir dürfen momentan den einen oder anderen Fehler machen und daraus lernen. Nichts passiert. Im Gegenteil. Ausprobieren wird gerade zu unserem neuen mentalen Modell, das sogar die Regierung ein wenig kultiviert. Das ist großartig für unsere vielen kleinen Vorhaben und Ideen. Entwickeln, ausprobieren, raus damit, umsetzen. Innerhalb der nächsten 72 Stunden einen ersten Schritt machen.

Bevor alles wieder los geht, heißt es jetzt, die kreative Ruhe zu finden. Auswerten, reflektieren, Neues erkennen, Neues denken. Dann gilt es, ins Tun zu kommen. Prototypen bauen, ausprobieren, adaptieren, verankern. Im echten Leben, nicht auf dem Flipchart. Vielleicht kriegen wir so ein bisschen mehr Lebendigkeit und Freude ins Tun. Ich bin zumindest fest davon überzeugt. Also tief einamtmen und das Lebendige spüren! Jetzt!

Kommentare

  1. Werner Pfeffer

    Wie – also – tun wir weiter? 



    Mit der indischen Methode? Einen Plan machen. Damit wir ihn ändern können.

    Mit der chinesischen? Keinen Plan haben. Dafür hören wir. Schauen wir. Lernen wir. Fragen wir. Notieren und zeichnen wir. Und dann, an einem festgelegten Punkt, zählen wir das alles zusammen.

    Oder – wir nehmen Deinen ersten, sehr feinen Gedanken: Wir atmen aus. Dann aber halten wir die Luft an, an, an, an, an. Was passiert? Wir überlegen, wie lange ein Weltmeister die Luft anhalten kann. Wir hätten auf die Uhr schauen können. Wegen der Länge. Wir werden nervös. Schauen herum. Haben wir etwas versprochen? Sollen wir schon einatmen? Schaut uns jemand zu? Wir stehen auf. Hilft herum gehen? Wir werden hektisch. Wir kriegen Angst. Sollen wir? Jetzt? Jetzt? Oder JETZT?

    Wie tun wir weiter? Jetzt.

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  2. Margit

    Juchuuu! Mein Herz als Yoga-Lehrerin jauchzt! Danke für die Erinnerung ans Atmen, vor allem das Ausatmen!

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