21.
Mrz.
2020

Stillstand: Eine Mustersuche

Es ist Samstag. Es regnet. Ich sitze zu Hause. Das tue ich jetzt schon seit mehr als einer Woche. In dieser Zeit hat sich einiges verändert. Nicht alles, wie viele meinen. Mir geht es gut, ich genieße die Sonne auf meiner Terrasse, schlaf mich einmal richtig aus. Es ist jedoch anders als sonst, im Kopf rattert es. Angst und Ungewissheit sind da. Klar, ich bin Unternehmer und meine Aufträge sind bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Da relaxed es sich nicht ganz so einfach, wie alle glauben. Da rebelliert manches in mir. Mehr als sonst.

Unsere so sicher und beherrschbar scheinende Welt hat uns einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf gegeben. Eine Krise. Zugegeben, eine westliche Krise. Ob diese nützt, bezweifle ich. Ich habe jedenfalls viel Zeit zum Lesen und Nachdenken. Hier habe ich versucht, ein paar Muster für mich zu ordnen.

Die Gesellschaftslupe vergrößert.

Krisen, wie wir sie momentan erleben, schieben eine Art Lupe über die Gesellschaft. Sie vergrößert, macht Muster sichtbarer. Das sind mentale Modelle, Ängste und Stressmuster aber auch politische und mediale Muster. In Gesprächen, bei hektischen Online-Verkaufsversuchen, auf Twitter oder in den Kommentarspalten der Zeitungen werden diese sichtbar. Mich fasziniert dabei die Beobachtung, oft auch die Provokation.

Wir alle tun uns schwer damit, wenn sich unser Alltag ändert. Einige sehen die lang ersehnte wundervolle Entspannungs-Chance, andere freuen sich über eine neue postvirale Welt. Wieder andere erstarren in Angst und fürchten sich vor jeder Headline. Einige verkaufen. Das ist so. Krisen konfrontieren uns mit dem Nichtwissen, mit dem Unsicheren. Das fällt uns nicht leicht. Unser Angstsystem ist hochgefahren und beeinflusst alles. Das ist nicht immer förderlich.

Der Innovationsturbo zündet.

Systeme sind beharrlich und es passiert wenig, wenn es nicht sein muss. Muss es sein, ist alles da, was es braucht. Dieses Muster ist nicht neu. Man kann es momentan an vielen Orten beobachten. Etwa im Bereich der Digitalisierung oder im Bereich der sozialen Innovation. Home Offices funktionieren plötzlich, die Schulen werden ein wenig digitaler, Apotheken nehmen Rezepte per Mail entgegen, Menschen ändern ihre Mobilität, vergrößern Abstände und stellen sich andere Fragen.

Genial eigentlich, dass sich neue Muster und Verhaltensweisen quasi über Nacht etablieren können. Vieles von dem wird wieder verschwinden, sobald sich die Lage normalisiert hat. Einiges wird allerdings bleiben. Ich stelle mir die Frage, wie viel von dem Neuen wir wie lange erleben müssen, um es in unseren Alltag zu integrieren. Ich habe keine Ahnung und suche nach entsprechenden Studien und Antworten. Jedenfalls bin ich gespannt.

Ein Themensmoothie verwirrt.

Alles ist unsicher. Ich habe in der letzten Woche viel über das Virus gelesen und versucht, mir ein Bild über die aktuelle Situation zu verschaffen. Dabei ist mir aufgefallen, wie schwer es ist, die einzelnen Ebenen und Themen zu zerlegen und voneinander zu trennen. Es ist komplex. Das Zerlegen und das getrennte Betrachten einzelner Objekte ist aber eine notwendige Voraussetzungen fürs Verstehen und für eine Lösung der Problematik.

Die Ebenen a) Virenbedrohung, b) Gesundheitssystem, c) Kommunikationssystem werden, teilweise bewusst, teilweise unbewusst, miteinander vermischt. Es entsteht eine Art Themensmoothie mit vielfältigen Interpretationsspielräumen. Alle reden, viele aneinander vorbei. Emotionale Schallklappen und Echokammern haben Hochsaison. Hier spielen Medien eine zentrale Rolle. Sie operieren mit ihren Überschriften, Adjektiven und Bildern. Nicht immer tragen sie damit zu einer Versachlichung bei. Das betrifft natürlich auch PolitikerInnen und alle, die jetzt schnelles Kleingeld stanzen wollen.

Die Wissenschaft wankt.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig ist? Die Wissenschaft hat uns mit ihren Methoden großen Wohlstand und Fortschritt gebracht. Sie ist wahrscheinlich die einzig wirkliche Triebfeder der Entwicklung. Ich bin dafür unendlich dankbar und glaube an die Kirche der Vernunft. Es muss uns jedoch immer bewusst sein, dass jede Wissenschaft aus Thesenkonstrukten besteht, die so lange gelten, bis sie widerlegt werden. Der schwarze Schwan wartet schon hinter der Ecke.

Wir müssen in der aktuellen Situation auch erkennen, dass Wissenschaft in einem frühen Krisenstadium oft noch wenig Antworten hat und selber noch wenig versteht. Das liegt in der Natur der Sache, es gehört zum Spiel. Die Entwicklung von Thesen, deren Überprüfung und Falsifikation brauchen Zeit. Nicht alles, was momentan als wissenschaftlich verkauft wird, hält einer genaueren Überprüfung stand. Nich jeder, der Studien zitiert, weiß was sie wirklich bedeuten.

Und jetzt?

Ich nehme mit nächster Woche meine Arbeit wieder auf. Ich brauche Regelmäßigkeit, das hab ich von meiner Mutter. Es ist interessant, welche neuen Ideen im Kopf sprudeln. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es weiter geht. Ich freue mich über Kommentare und vielleicht ergibt sich daraus ein erster Online-Talk im Studio in der nächsten Woche.

Den Schluss widme ich Dirk von Gehlen. Er vergibt den Shruggie des Monats und hat diesmal den Shruggie selbst zum Shruggie des Monats ernannt. In diesem Sinne ein ratloses ¯\_(ツ)_/¯ von mir.

Kommentare

  1. Gottfried Hlebaina

    Eine beeindruckende Beschreibung der Situation. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Möge es sich in wenigen Wochen ruhiger werden, die jetzige Atmosphäre ist bedrückend.

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  2. Werner Pfeffer

    Feine Gedanken, Peter. Was käme raus, wenn wir all das zusammen zählen, was NICHT gesagt wird, was aber mitschwingt, gerätselt wird, hinter zugehaltenem Mikrofon geflüstert wird? Was soll das laute Wiederholen übertönen? Und – eine GroßVerbeugung für den Begriff SCHALLKLAPPEN – Ohren zu. Auf die weisse Wand schauen. Mikros und Lautsprecher ausgeschaltet. Wann fängt die Wand zu reden an? Und was hat die Deine Dir gestern erzählt? Schreibst Du es mir bitte?

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    • Peter Webhofer

      Meine Wand hängt immer noch bei deiner Frage: „Warum nicht?“ Die halte ich für zentral. Da müssen wir unbedingt weiter denken. Werde uns für nächste Woche einen feinen Talk zusammen stellen und freu mich, wenn du dabei bist!

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    • Claus

      Ich mag die Art wie du denkst, Peter. Und wie nimmst du die Arbeit wieder auf in Regelmäßigkeit? Weih uns ein, lass uns teilhaben.

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  3. Elfriede Weyrer

    Schön gesagt Peter. Ich habe den Text zweimal gelesen und weiß, dass ich ihn mir nochmals zu Gemüte führen werde. Warum? Weil er zum Nachdenken anregt und Nachdenken benötigt Zeit und Ruhe. Mir ist bewusst geworden, dass ich noch auf Hochtouren und ein bisschen unrund laufe und mich immer wieder mental zur Ruhe zwingen muss. Ich gebe es zu, ich habe mich aufs Homeworking gefreut, habe es mir sehr beschaulich vorgestellt und hätte nicht gedacht, dass ich da auch so quasi in einen gewissen Stress kommen könnte. Mir ist sehr schnell bewusst geworden, dass ich diese neue Herausforderungen annehmen, neue Aufgaben lösen und mich wieder neu strukturieren muss. Wir alle müssen uns jetzt auf irgendeiner Art und Weise umstellen, jeder ist auf anders gefordert und muss entscheiden, wie er damit umgeht. Jeder hat die Chance sich weiter zu entwickeln, sei es auf beruflicher, geistiger oder sozialen Ebene. Und ja, ich bin mir sicher, es wird viel Weiterentwickung geben und das in vielen Bereichen. Ganz gewiss auch in der Bildung und das ohne (oder fast ohne) die Wissenschaft.
    Jedenfalls danke für deinen Artikel und für die geistige Anregung, die du damit bewirkt hast.
    Sie hat mir soeben eine länger als geplante Auszeit vom Arbeiten gebracht und das ist gut so.
    Wer weiß, was die Stille dir noch ins Ohr flüstert.
    Ich freu mich schon auf deinen nächsten „Erguss“

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  4. Christian Ehetreiber

    Lieber Peter, vielen Dank für den äußerst lesenwerten Text, der Vernunft, Emotion, Denken und Handeln facettenreich in Balance bringt! Jede deiner Ideen, Beobachtungen, Hypothesen, Vermutungen lädt ein zum Mit- und Weiterdenken. Merci vielmals, lieber Freund! Ich schließe mit der gerade jetzt hilfreichen „Philosophie des Noch“ von Botho Strauß: NOCH leben wir in Graz, in der Steiermark, in Österreich mit hoher Lebensqualität. NOCH geht es fast allen von uns gut, 1.000 mal x-fach besser als in den Elendsregionen in aller Welt, 100 mal x-fach besser als im krisengeschüttelten Italien, wo Krankheit und Tod wüten. NOCH verfügen wir über eine umsichtigst agierende Bundesregierung, verantwortungsvolle Landes- und GemeindepolitikerInnen, eine vitale Sozialpartnerschaft und über funktionierende Unternehmen und Institutionen. NOCH helfen wir BürgerInnen einander und unterstützen das Notwendige, das von der Regierung Empfohlene, das von der Nächstenliebe Ableitbare. NOCH gibt das weltweite Engagement der Wissenschaft Anlass zur Hoffnung, das Virus bald zu entschärfen. NOCH lohnt es sich, sich in den jeweiligen Rollen zu engagieren, füreinander da zu sein, an einer Welt der Menschenwürde für alle und für jeden mitzuarbeiten! Wann denn sonst, mein lieber Peter! Wir zwei wissen es: NOCH ist NICHT ALLER TAGE ABEND! Herzlichst Dein Chris

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  5. Birgit Bernhardt

    Ich sitz grad in den Bergen, im . Da geht’s mit dem inneren Glück viel besser als in den vier Wänden in Graz mit den anderen Menschen hinter den äußeren Hausmauern. Quarantäne im einstigen Schigebiet, wo die Pisten sich auflösen und der Schnee schwindet, die Spuren vergangener Skitage verschwimmen und einige wenige Menschen in dicken Jacken und Hosen herumgehen.
    Der nächste Winter kommt bestimmt.
    Und wenn der Luft nicht mehr geht, dann gegen wir mit den Tourenskiern zum Gipfel.
    Ich bin beim online talken bitte gerne dabei.
    Wenn mein Kalender nicht mit webinaren, zoom Konferenzen, online Kursen und Videotelefonieterminen voll ist.
    In diesem Sinn- alles wird anders, das meiste bleibt gleich. Wir wollen ja wieder in den Takt kommen.

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