1.
May.
2018

Lern- statt Fehlerkultur

Es ist modern, es ist jung, es ist urban und es ist grad richtig cool: Man wird Unternehmer oder noch besser Entrepreneur oder Start-Up. Man nimmt eine Idee, kritzelt diese in ein Business Model Canvas, irgendwo in einer Garage. Da solls ja am einfachsten gehen. Am besten entwickelt man irgendeine App und denkt gleich mal an den Pitch vor den Investoren und ans Verkaufen. Allerdings nicht ans Verkaufen der Idee, sondern gleich ans Verschwerbeln des gesamten Business-Models. Man braucht ja schließlich wieder Luft für neue Ideen.

Ein Schuft, wer noch Produkte mit wirklichem Nutzen verkaufen will, wenn ganze Firmen im Marktregal stehen. Das ganze Spiel wird dann meist doch ein wenig mühsamer, als in den Hipster-Magazinen beschrieben. Es wird eng. Ruhiger Schlaf und Geldsegen bleiben aus. Jetzt hilft nur noch ein heroischer Rückzug, eine Inszenierung der schlechten Vorbereitung und halbherzigen Absichten. Eine Heldenerzählung muss her.

Das Scheitern ist der neue Erfolg. Das Scheitern wird gefeiert. Man hat ja schließlich so viel gelernt dabei und möchte diese Learnings ja aus einem Sendungsbewusstsein heraus mit allen anderen teilen. Fuck-Up-Night artig. Mir persönlich gehen diese Inszenierungen gewaltig auf den Wecker. Scheitern steht für einen Schiffsunfall, bei dem das Schiff zerschellt (im Unterschied zum unversehrten Stranden), meint Wikipedia. Scheitern ist nicht fein, mein ich. Scheitern tut verdammt weh und Scheitern ist ungut, ganz abgesehen von den persönlichen Narben, die dieser Zeit-Artikel schön zeigt. Und warum freuen wir uns dann so sehr darüber?

Ich vermute, dass wir in der Scheitereuphorie ein paar Begriffe verwechseln. Wir setzten Fehler mit Lernen gleich. Das eine kann die Folge sein. Muss aber nicht. Ich bürste jetzt mal streng gegen den Mainstream und finde, dass uns ganz generell eine Scheiter- und Fehlerkultur keinen Millimeter weiter bringt. Ganz im Gegenteil, sie zelebriert den Stillstand. Wir brauchen viel mehr Neugierde und Lernen, eine Kultur des Lernerfolges, eine neue Kultur der  Umsetzung, eine Kultur, die mit Professionalität und Freude an neue Vorhaben heran geht. Wir brauchen Menschen, die nicht nur gerne Unternehmer sein wollen, sondern Sinn und Freude an der Gestaltung der Welt erleben.

Deshalb, so mein trivialer Vorschlag, feiern wir lieber das Lernen, Loben wir das schnelle evolutionäre Anpassen an Gegebenheiten. Feiern wir die vielen kleinen Lernerfolge und Umsetzungsschritte. Das sind für mich Zutaten, die erfolgreiche UnternehmerInnen brauchen. Agiles und laterales Denken, Anpassungsfähigkeit, Orientierung an den Menschen und an deren Aufgaben, Professionalität, Exzellenz und Umsetzungsfreude. In diesem Sinne verzichte ich auf die sogenannte Fehlerkultur. Sie darf aber weiter gehuldigt werden.

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