9.
Sep.
2018

Digitale Bildung

Digitalisierung passiert. Sie ist ein technologie- und wirtschaftsgetriebener Prozess, den wir so schnell nicht stoppen können, ob uns das passt oder nicht. Neu ist das nicht!
Bereits 1998 beschrieb der MIT Media Lab-Gründer Nicholas Negroponte das Postdigitale Zeitalter „Beyond Digital“: „Wie die Luft und das Wassertrinken wird Digitales nur durch seine Ab- und nicht Anwesenheit bemerkt werden.  […] Computer werden ein wichtiger aber unsichtbarer Teil unseres Alltagslebens sein: Wir werden in ihnen leben, sie tragen, sie sogar essen. […] Seht es ein – die digitale Revolution ist vorbei.“

Zwanzig Jahre später ist das so. Dagegen lesen sich die Vorschläge der aktuellen Bundesregierung zu Digitalisierung und Bildung ziemlich stümperhaft. Es wirkt, wie am falschen Fuss erwischt. Dort beginnt das Spiel gerade. Aktionismus und operative Hektik kommen auf, wenn man aus dem Dämmerschlaf gerissen wird: Wir brauchen Laptop-Klassen!

Das ist symptomatisch für den Umgang mit dem Thema. Viele Bereiche haben es einfach verschlafen, sich in den letzten zehn Jahren mit dem Wesen der Digitalisierung auseinander zu setzen. Dabei geht es nicht um aufgeregtes Chancen-Risiko-Geplapper, um die Bedrohung durch Social Media-Posts oder um das Programmieren-Lernen in der Volksschule.

It´s not about technologie

Es geht um mehr. Es geht um den Menschen. Denn die Digitalisierung ändert die Art und Weise, wie wir als Menschen und miteinander leben. Sie ändert, wie wir die Welt sehen, sie schafft neue Räume, verändert regionale Bezüge oder unser Verhältnis zu traditionellen Mustern wie Mobilität, Arbeit oder Kommunikation. Sie verändert die Art, wie wir einkaufen und wie wir uns bilden. Sie verändert vor allem auch, wie wir miteinander umgehen. Und genau deshalb sollten wir langsam unseren Kopf einschalten.

Info-Zombies on Tour

Ich hab das alles wirklich gern. Ich kaufe mir meine Möbel online, statt im Möbelhaus zehn Wochen vertröstet zu werden. Ich bin dabei immer wieder erstaunt, wie weit weg viele Unternehmen davon sind, zu verstehen, was ihre Kunden lieber digital erledigen wollen und wo sie dagegen persönlichen Kontakt sehr schätzen.

Langsam mach ich mir aber auch ein wenig Sorgen: Ich sehe eine Menge Zombies, ferngesteuert mit ihren Smartphones durch die Welt huschen. Ich sehe Informationsblasen, die auftauchen und wieder verschwinden. Ich sehe Schlagzeilen, die niemand mehr wahrnimmt und Inhalte, die niemand versteht. Ich sehe verheißungsvolle Brillen, die mir das Urlaubfahren ersparen wollen und mich gleich im Wohnzimmer an den Strand beamen. Ich sehe mächtige Datenburgen, die von ein paar mächtigen Playern genutzt werden. Ich trage eine Uhr, die meinen Herzschlag aufzeichnet. Null und Eins.

Null und Eins sind ohne Leben

Wenn ich in ruhigen Momenten darüber nachdenke, ob ich das alles für mein Lebensglück wirklich brauche, dann fehlt mir schnell die klare Antwort. Das menschliche Leben ist viel mehr als ein digitaler Algorithmus. Es ist gemeinnisvoll, sucht nach Sinn, Zugehörigkeit, Anerkennung, Beziehung. Das sind alles Bereiche, die sich nicht so schnell zwischen Null und Eins einreihen lassen. Ähnlich geht es mit Prozessen und Entwicklungen, die wir planen und umsetzen. Sie gleichen viel eher einer Zufallsbewegung als einem linearen Ablaufprozess. Die Digitalisierung zwingt uns darüber nachzudenken, was den Menschen und seine Würde wirklich ausmachen.

Hier liegt aus meiner Sicht die wichtigste Digitalkompetenz verborgen. Der Mensch lässt sich nicht digitalisieren. Seine wahre Stärke liegt im Menschlichen. Wir brauchen also keine digitale Bildung, kein kompliziertes Lesenlernen über iPad-Apps. Wir brauchen aber Menschen, die richtig gut Lesen können, die ethische Fragen beantworten können und auf ein klassisches Wissensfundament zurückgreifen können. Wir brauchen Bildung, die echte Beziehungen fördert, die zuhören und das Einlassen auf andere Meinungen lehrt. Wir brauchen die Konzentration auf das Wesentliche und auf das Menschliche.

Alles andere erledigt sich von selber. Denn Digitalisierung ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten können. Wir können ihn aber dem Menschlichen und Nützlichen unterwerfen. Das ist aus meiner Sicht die wesentliche Aufgabe in der nächsten Zeit.

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