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Welt im Wandel, wieder einmal

Artikel vom 5. Oktober 2012

Ihr kennt das bestimmt: Da sitzt man in einer Runde von – wie es Thomas Bernhard ausgedrückt hätte – “sogenannten ExpertInnen”. Dann wird über die neue Welt geredet, über alles, was sich momentan verändert und natürlich wird auch über Social Media philosophiert. Das beginnt meistens mit so Sätzen wie “In dynamischen Zeiten wie diesen”, oder “Die Welt hat sich gewandelt”. Ich kann diese Sätze kaum mehr hören. Wir tun grad so, als ob das vorher noch nie der Fall gewesen wäre. Dann wird schnell munter zugeschrieben, gegeneinander diskutiert, ein wenig angegeben und vor allem kaum wirklich zugehört. Es wird selten vernünftig miteinander geredet, die hoch komplexe Veränderungsdynamik gemeinsam ausgelotet. Nein, es wird eher auf Sandkastenniveau ein wenig herumgepallert bis die Augen vom vielen Sand weh tun.
Das kenn ich auch aus Lehrveranstaltungen und Seminaren. Dort krieg ich oft nach meiner Vorstellung zu hören, dass “Online-Lernen und Social Media auch nicht das Allheilmittel seien”. Das hatte ich aber bis dahin auch noch nicht behauptet. Genau diese Zuschreibungen sind es, die mir im Social Media-Bereich langsam aber sicher auf die Nerven gehen, sie bringen uns nicht weiter. Ich hab zwei praktische Lösungsansätze:

Dialogisches Nachdenken lernen
Was mir oft abgeht, ist die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen. Wir brauchen dafür ein wenig mehr Ernsthaftigkeit, mehr Zuhören, mehr Offenheit, mehr Respekt. Raus aus der Sandkiste, rein in den “Lernraum” und dort gemeinsam nachdenken, wie wir neue Entwicklungen wirklich gut nutzen können. Nachdenken darüber, welche “Sozialen Innovationen” notwendig sind, um Social Media dafür zu nutzen, die Welt ein wenig besser zu machen. Da gibts jede Menge zu bedenken. Genau dieses Nachdenken muss auch Thema in Organisationen werden, wollen diese den Anschluss nicht ganz verpassen.
Und eines ist ja auch schon lange klar und kann in diesen Dialogen mal beiseite geschoben werden: Social Media ergänzen bisherige Möglichkeiten, sie stellen freilich manch alte Denk- und Prozessmuster und mentale Modelle in Frage, klopfen freilich an die verschlossenen Türen hierarchisch abgeriegelter schüchterner CEOS. Social Media stellen aber damit natürlich nicht universell alles in Frage. Auch bisherige Strategien waren und sind erfolgreich. Oft jedoch erfolgreicher, mit neuen Impulsen.

Change-Prozess wahrnehmen
Ob wirs wollen oder nicht, Social Media lösen Change-Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen aus, sie sind kleine Zündhölzer, die sichtbar machen, was unter der Oberfläche in Organisationen oder Gesellschaften ohnehin schon lange brodelt. Nur mit dem Ändern haben wirs nicht so (Gunter Dueck erkärt da auch warum), da muss es schon ordentlich brodeln.
Change-Prozesse haben immer mit schockartigen Zuständen, Ängsten und oft auch mit Machtverlust zu tun. Und genau darüber reden wir eigentlich, wenn wir über Social Media in Organisationen reden. Wir reden darüber, was unter der Erde liegt, nicht was oben sichtbar ist. Das ist es aus meiner Erfahrung auch, was wir als Social Media-BeraterInnen in Organisationen immer wieder im Fokus haben müssen, ein Verständnis für Change-Prozesse: Diese brauchen Zeit, sie brauchen eine Würdigung der Geschichte, sie brauchen ein starkes Eingehen auf die mentalen Modelle und Ängste, auf alles Unsichtbare, sie brauchen Spielräume und keine Angst vor Fehlern und sie brauchen letztlich ein wenig mehr Gelassenheit und Unaufgeregtheit. Ich glaub damit kommen wir ein kleines Stückchen weiter, und das wollen wir doch alle, oder?

Für alle, die darüber mehr lesen wollen empfehle ich: Abenteuer Change Management und ein freies Wochenende.

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  1. Warum ist in deiner Zeichnung Akzeptanz niedriger als Integration angesiedelt?

    Nächste Frage ; Tolleranz oder Akzeptanz ; was ist wichtiger?

    Ein Lernraum mit lauter “Sandkistenspielern” könnte man auch als “Leerraum” bezeichnen! Oder?

    Lg Martin

    Kommentar by Martin on 5. Oktober 2012 at 21:35

  2. Danke Martin! Ich versuch mal ein paar Antworten: Das ist eine Skizze, die die Phasen des Change-Prozesses verdeutlicht. Bei der Akzeptanz nimmt man die Veränderung an, Zutrauen in die eigenen Kompetenzen sind noch eher zaghaft (weil man das Neue ja noch nicht genau kennt), das ändert sich dann, in der Integrationsphase. Dort ist das Neue selbstverständlich integriert und man hat auch das Zutrauen, dass man es bewältigen kann.
    Im Social Media-Bereich ist momentan die Toleranz ein wenig zu wenig. Wir müssen Akzeptieren, dass wir sich die Welt verändert hat und damit konstruktiv umgehen. Toleranz würde aus meiner Sicht bedeuten: Ich toleriere dass es so ist, beschäftige mich aber selber nicht lustvoll damit.
    Und zum Lernraum, ja absolut, das kennen wir, Lernen ist immer ein innerer Prozess. Überall da sind letztlich die Einstellungen und Haltungen entscheidend!

    Kommentar by pwebhofer on 6. Oktober 2012 at 8:28

  3. Fühl mich deinen gedanken sehr verbunden peter.
    Ich mach selbst seminare in lehrerinnenkreisen und könnte zunehmend aus der haut fahren. alle tun so als ob sie das eh alles sch wüssten…zum thema
    dialogische kernkompetenzen…….sie schauen mich freundlich an und hören mir gutgläubig zu…..aber meine botschaft erreicht sie nicht
    wirklich und wahrhaftig.
    Sie wollen rezepte für ein besseres klima in der klasse doch nur ganz wenige sind ernsthaft bereit ihre grundhaltung zu reflektieren.
    Ich denke in dieser zeit haben wir ein massives umsetzungsdefizit
    gar nicht so sehr ein erkenntnisdefizit
    buber sagt: so lass mich scheinen bis ich werde. Doch ein zu langes scheinen kann fatale folgen für schülerinnen haben.

    t

    Kommentar by karin lichtenegger on 3. November 2012 at 14:44