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Brüche: Frithjof Bergmann und die New Work Experience

Artikel vom 29. April 2017

Ich war Ende März bei der New Work Experience von XING in Berlin. Das war ein Event, ein Zusammentreffen von ExpertInnen, die lässig inszeniert die zentralen Themen und Schlagworte von “New Work” durch die Gegend pallerten. Schön flach natürlich, damit niemand getroffen und überfordert wurde. Ein lässiger Event eben, wäre da nicht ein Bruch passiert, der am Ende des Tages zu Standing Ovations geführt hat. Ein Bruch mit der Oberflächlichkeit.

Eventkultur für die Oberfläche

Das Event war gut gemacht, keine Frage, es war richtig gut inszeniert. Eine lässige Location, viele interesannte Menschen, viele bekannte Gesichter und natürlich die Themen, die uns fast wie eine Familie einen: Wir haben uns wieder gegenseitig versichert, dass Vertrauen so wichtig ist, dass es Flachheit und eine neue Führungskultur braucht, dass Digitalisierung jetzt wirklich wichtig ist und dass wir wertschätzender miteinander umgehen sollten. Die ganzen Themen wunderbar leicht eingewickelt in eine Schokoladenglasur der Lässigkeit und Verträglichkeit, einmoderiert mit zotigen Bemerkungen und auf einem Sound-Teppich präsentiert.

Sehnsucht nach Tiefe

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hab in letzter Zeit ziemlich genug von diesen Events. Ich hab genug von den Inszenierungen, von bestrahlten Bühnen, von der Aufgeregtheit, von den Stars. Ich hab auch irgendwie genug von der Oberflächlichkeit und den allgemeinen Frasen, die wir uns auf diesen Events um die Ohren hauen. Ich hab genug von den Ritualen der Eventkultur. Ich brauch mehr Langsamkeit, Ruhe und Tiefe.

Bei der New Work Experience gab es jedenfalls einen Blick in die Tiefe. Es gab einen fundamentalen Bruch mit der Oberflächlichkeit der Eventkultur. Er passierte, als am Ende des Tages der 87-jährige Frithjof Bergmann, Begründer der New-Work-Bewegung, in seinem Rollstuhl auf die Bühne geschoben wurde. Dem sonst sehr agilen Moderator fehlten ein wenig die Worte, er wusste nicht recht, wie mit diesem offensichtlichen Bruch umzugehen ist. Er hatte gehörig Respekt vor dem Denkenden.

Machen, was wir wirklich wirklich wollen

Frithjof Bergmann kümmerte sich wenig um die blinkende Moderationsuhr. Er hatte etwas Philosophisches und Anregendes mitzuteilen. Er erzählte von der Armut der Begierde und von der großen Suche nach den Dingen, die wir wirklich wirklich tun wollen.
Dabei wurde schnell klar, dass das in 30 Minuten nur unzureichend möglich ist. Es wurde schnell klar, dass die Tiefe und die Beschäftigung mit den eigenen Motiven viel mehr Zeit braucht. Es wurde auch klar, dass diese Suche nach den wirklich wichtigen Themen in unserer Start-Up-Kultur nicht möglich ist. Das Unternehmen ist ja schon wieder verkauft oder pleite, bevor wir wissen was wir wirklich wollen.

Für mich war das ein wunderbarer Bruch, der mir wieder deutlich gemacht hat, dass es neue Formate und Kulturen der Auseinandersetzung braucht: Langsam, leise, wenig. So haben Werner Pfeffer und ich das gestern formuliert. Das passt irgendwie auch ganz gut zu meinem neuen Projekt. Ich spar mir hinkünftig einfach die Events.

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