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Fehlerkulturen

Artikel vom 14. April 2012

Viel ist geschrieben und diskutiert worden in den letzten Jahrzehnten über die sogenannten “neuen Medien”. Die sind erstaunlicherweise nach fast 20 Jahren für viele immer noch so neu, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr so sind.
Manche kokettieren damit, dass sie sie nicht verstehen wollen, da ist es dann fast schick, beispielsweise Powerpoint nur rudimentär bedienen zu können oder mit der Google-Suche überfordert zu sein. Man hat ja schließlich rein intellektuell viel zu sagen.
Klar ist auch, dass diese “neuen Medien” und das Internet für einige Menschen nicht nur neu, sondern gänzlich nicht ihr Ding sind: Rund 20 Prozent der ÖsterreicherInnen über 14 Jahren, stellt die Offline Studie 2011 des Institut für Strategieanalysen fest, sind im Netz erst gar nicht vertreten, immerhin 1,4 Millionen Personen. Das ist eine ziemliche Menge.
Unbestritten ist, dass das Internet und all die damit verbundenen Möglichkeiten unsere Sichtweisen verändert hat. Das verwirrt und macht Angst. Das Alte hört auf zu sein und das Neue ist unklar, nebelig, verschwommen, unberechenbar.
Letztlich werden ja damit auch unsere traditionellen kulturellen Werte und unsere Verhaltensweisen ins Wanken gebracht. Das ist nicht für alle angenehm, da wird einigen ziemlich schwindlig vom Herumwanken. Sie sehnen sich dann schnell wieder nach dem stabilen Boden, nach Berechenbarkeit, nach Vertrautem.
Eigentlich nichts Neues, wenn man den Blick auf andere technologisch bedingte Veränderungen in der Geschichte wirft. Altes vergeht allmählich und das Neue ist noch nicht so klar sicht- und beschreibbar, wie wir es brauchen würden, um uns davon ein Bild machen zu können. Eine Zeit des Übergangs also, eine Zeit der intellektuellen Extreme, der Pros und Kontras und eine Zeit, die eigentlich die Freiheit zum Experimentieren brauchen würde.
Dieses Experimentieren und Fehlermachen fällt uns ziemlich schwer, zu tief sitzt uns offensichtlich noch die schulische “Schönschreib-Sozialisation” und die gesellschaftliche “Fehlerlos-Konditionierung”  in den Knochen.

Das Fehlermachen“, sagt Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, “ist die wichtigste Methode, das Internet tiefer zu verstehen.” Ein beeindruckender, nüchterner und tiefgehender Vortrag, der es wert ist, vom Anfang bis zum Ende gesehen zu werden.

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  1. Super, Peter! Ich versteh echt nicht, warum man gewissen Dinge so ausblenden kann und dabei noch bewundert wird. Das ist schon lange so mit der Mathematik, und das ist jetzt so mit dem Web und den Neuen Medien. Wenn ich an einer Party sage, ich sei Mathematiker, dann höre ich von allen Seiten Leute verkünden: “Wissen Sie, in Mathematik war ich schon immer schlecht”. Das sagen sie laut und deutlich und mit einem gewissen Unterton von Stolz.
    Und wenn ich sage, das Programm eines Anlasses oder ein Artikel könne man auf dem Web finden, dann sagen mir die Leute: Das ist etwas für Junge, ich mache nichts mit dem Internet (die kennen nicht einmal den Unterschied zwischen dem Internet und dem Web). Dabei findet das heutige Leben doch grösstenteils im Web statt! Wie kann man diesen Teil nur ausblenden? Da liegen Milliarden herum. Kürzlich hörte ich von einem Dachdecker, der seine Akquise über Twitter macht!
    Interessatnt ist auch, dass sogar “Junge” nicht immer up to date sind. Ich komme langsam zur Überzeugung, dass es nicht einmal eine Frage des Alters oder der Generationen ist. Z.T. haben meine 25jährigen Studenten noch Papieragenden oder wissen nicht einmal den Unterschied zwischen Facebook ud Twitter, weil sie beides nicht brauchen.

    Kommentar by Peter Addor on 14. April 2012 at 20:30